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Anne Deus - im Gespräch mit Edition Mühlwiese
Frau Deus, wenn jemand zum ersten Mal auf eines Ihrer Bücher oder auf Edition Mühlwiese stößt: Wer ist Anne Deus?
Anne Deus: Ich bin eine eher bodenständige Frau von 62 Jahren, die ihr ganzes Leben lang lieber zu viel als zu wenig gearbeitet hat, aber immer wahnsinnig gerne. Dabei habe ich über die Jahre hinweg den Weg von „vernünftig“ zu „weniger vernünftig“ sehr geschätzt, vor allem aber bin ich seit gefühlt „immer“ selbstständig. Unter eigener Regie konnte ich in 35 Jahren vieles ausprobieren, so manche überraschende Abbiegung mitnehmen.
Wie sah dieser Weg aus? Wo haben Sie angefangen – und welche dieser überraschenden Abbiegungen haben Sie schließlich dorthin geführt, wo Sie heute stehen?
Ich stamme aus einer Fabrikantenfamilie am Stadtrand von Solingen, dort habe ich von Kindesbeinen an gelernt, dass Anpacken zu Lösungen führt. Sicherlich oft auch unbequem ist, sich am Ende aber auszahlt. Allerdings führte die Herkunft auch zwingend auf den ursprünglichen Weg der Vernunft. Mein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth ergab sich nahezu alternativlos, zumal mich Zahlen und logische Zusammenhänge schon als Kind fasziniert haben. In der Schule brachte ich in den ersten Jahren die arme Frau Bälz zum Wahnsinn, weil ich lesen, schreiben und vor allem rechnen konnte und mich tierisch gelangweilt habe. Später auf dem Gymnasium hat sich das zum Glück relativiert. Meine enorme Liebe zum Schreiben hatte ich aber schon als Kind – und die blieb auf meinem Lebensweg erst mal komplett im Keller.
Die erste faustdicke Überraschung für mich war wohl der erste Job. Hätte mir jemand gesagt, dass ich in den frühen 90ern mal für Black & Decker Werkzeuge verkaufen würde, den hätte ich für komplett bescheuert erklärt – aber so war es dann! Aus der für mich viel zu engen Welt bin ich aber schon nach 1,5 Jahren ausgebrochen und habe mich 1992 erstmals selbstständig gemacht – nur um in der Versicherungs- und Finanzwelt praktisch vom ersten Tag an kreuzunglücklich zu sein. Das Schönste aus diesen Jahren ist auch heute noch die Erinnerung an Begegnungen mit Menschen, berührende Begegnungen, Erlebnisse anderer, die ich nie vergessen habe – aber damals war ich noch viel zu jung, um die Tragweite dahinter für mich persönlich zu erkennen. Aber in dieser Zeit habe ich zumindest gelegentlich wieder geschrieben.
Wann haben Sie zum ersten Mal wirklich etwas ganz anderes gemacht – nicht weil es vernünftig oder naheliegend war, sondern weil Sie selbst es wollten?
2001 kam der erste für mich persönlich richtige Schritt. Langjährige Überforderung sowie praktisch seit der Jugend gegen mein Naturell angearbeitet zu haben brachte mir Mitte der 90er einen handfesten Nervenzusammenbruch ein, der in einer psychiatrischen Klinik in Bad Nauheim endete. Ich sag's Ihnen – da wird man wach – hellwach! Seit vielen Jahren ist mir klar: DAS war das Beste, was mir zwei, drei Monate vor meinem 30. passieren konnte.
Ein paar Jahre hat es noch gedauert, 2001 bin ich dann komplett ausgebrochen, ich habe meinen Betrieb verkaufen können und im Bereich Lebensberatung neu angefangen. Von da an ging es für mich persönlich bergauf. Und ich hatte wieder Freiraum zum Schreiben! Aber nach ein paar Jahren wollte ich wieder „etwas in der Hand haben“, so ganz ohne „Anpacken“ ging es dann wohl doch nicht.
Und dann kam eeeeendlich mit Anfang 40 das in mein Leben, was ich immer schon wollte – der Handarbeitsladen. Als Kind hatte ich so ziemlich alles, was es gibt, aus Unmengen von Heften und Büchern mir angeeignet, bis hin zu Klöppeln und Occhi-Spitze, was kaum ein Mensch kennt. Aber mein Vater hatte immer gebremst. Mit Anfang 40 konnte mich dann aber keiner mehr bremsen. Ich nahm mein selbstverdientes Geld in die Hand, nahm Kontakt in die USA auf und kaufte Stoffe ein – Patchwork Anne Deus war geboren, damals noch unter dem Namen „Flickenkiste“. Eine total irre Zeit!
Offenbar hatte ich mit meinen Einkäufen „knapp am Markt vorbei“ einen Nerv getroffen. Ich habe immer wieder von Vertriebsleuten gehört: „Das kauft hier in Deutschland keiner!“ – und zack, war ich unterwegs und habe genau DAS in den USA eingekauft. Die Kunden haben es gedankt. In rund fünf Jahren hatte der Betrieb mit mehr als 4.000 Stoffen eine der größten Auswahlen im Bereich der US-Patchworkstoffe, vor allem aber ein sehr eigenes, eher konservatives Sortiment, das sich von den meisten Wettbewerbern deutlich unterschied.
Was ist aus Patchwork Anne Deus geworden – und wie hat sich der Betrieb in den Jahren danach entwickelt?
Der Betrieb lebt – und wie der lebt! Auch nach bald 21 Jahren gehe ich jeden Tag nach unten, streichle ein paar Stöffchen und bin einfach nur glücklich beim Anblick der Räume mit den vielen Ballen. Zum Glück stehen die 4.000 Stoffe nach einigen Umwegen wieder hier im Haus, der Weg ist kurz. Und damit bin ich auch schon beim Schreiben!
Kurze Wege, die Stoffe im Haus, die Lebensberatung am Telefon, viel und wunderschöne Arbeit, aber auch Zeit durch gesparte Wege. Die habe ich natürlich wieder zum Schreiben genutzt. Dann kam aber wieder eine nicht geplante Abbiegung. Bevor die Stoffe in mein Leben traten, gab es noch ein anderes „Wunder“: Mr. Traummann tauchte auf. So irre, das glaubt einem keiner. War aber so und könnte man auch einen Roman drüber schreiben. Flugzeugmodelle bei eBay versteigert, weil ich den Platz anders nutzen wollte. Ein Flugkapitän aus der Hamburger Region ersteigerte einen Schwung der Modelle und vermasselte die Überweisung. Daraus entstand ein Kontakt, der dann zu elf wunderschönen gemeinsamen Jahren führte.
Aus meiner Sicht hätten da noch zig Jahre kommen können, aber unsere Leben entwickelten sich völlig anders. Mein Mann ging in Pension und erwartete für sich nicht mehr viel, ich wollte mit nicht mal 50 Jahren weiter – das musste fast zwangsläufig schiefgehen. Er kam mit meinen Wegen und Entscheidungen nicht mehr klar, eine friedliche Trennung folgte. Und ich nutzte die freie Zeit zum – was wohl? – ja klar, zum Schreiben!
Was haben Sie damals geschrieben? Waren das bereits Romane?
Ich habe geschrieben wie der Teufel. Eine Geschichte nach der anderen. Obgleich man mir in der Schule über Jahre hinweg “Deutsch 5 oder 6” eingebläut hatte. War schon irre, da gab es in der Zeit auf meinem ersten Gymnasium in Langenfeld diese entsetzlichen hochpolitischen Jahre der späten 70er, in denen Deutscharbeiten nicht nach Sprache, Grammatik und Fehlern bewertet wurden, sondern nach der politischen Ausrichtung. Das brachte mir dann drei Jahre in Folge durchgehend 5en und sogar 6en in Deutsch ein und kostete mich zusammen mit Fächern wie Sport und Geschichte in diesen Jahren einen harten Kampf um die Versetzungen. Als ich diese Schule verließ und zur Oberstufe nach Opladen auf das Marianum wechselte, ging es aus dem Stand mit 13 Punkten in Deutsch weiter – aus dieser Zeit stammen die ersten Texte, die ich heute noch besitze. Und 2013, nachdem ich wieder alleine lebte, legte ich dann richtig los mit dem Schreiben. Und vor allem mit geordneten Manuskripten.
Die bis dahin mehr als 20 Jahre im Umgang mit Menschen haben mir Erinnerungen für mehrere Leben beschert und ich konnte aus dem Vollen schöpfen. Heute habe ich Festplatten voller Konzepte, mehr oder weniger weit ausgereifte Manuskripte, kurze und lange Geschichten, inzwischen alles Brauchbare gut sortiert.
Und dann kam DER initiale Funke von meiner Freundin Petra. Nach mehr als 20 Jahren mit den Stoffen, die ich unverändert liebe und mit denen und natürlich auch den Kunden ich auch heute noch gerne arbeite, kam diese teuflisch gefährliche Frage, so ganz nebenbei: „Was wolltest Du denn immer schon machen?“ Erster Impuls? Nichts, ich mache genau DAS mit meinen Stoffen, wollte ich immer schon …
Zwei, drei Nächte, bis ich morgens um sechs Uhr aus dem Bett kam, wie vom magischen Faden gezogen an den PC taperte und anfing, nach Autoren, Schreiben, Technik zu suchen. Was macht aus meinen Manuskripten BÜCHER, richtig Romane, die ich veröffentlichen kann? Der Rest war dann ein Selbstläufer. Der PC bzw. das Googlekonto ist oftmals schlauer als man selber, Schreibprogramme poppten immer wieder auf und zack – hatte ich ein Abonnement für eines dieser Programme erworben. Leider schreiben diese Programme heute praktisch alle mit KI, weshalb ich sie ursprünglich nicht nutzen wollte. Schreiben kann ich selber und ich hatte ja Berge von Texten als Rohmaterial. Aber um das eigentliche Schreiben ging es gar nicht. Es ging mir um die Organisation meiner Gedanken, um Karten, mit denen ich Figuren und Inhalte verfolgen konnte, damit eine Figur nicht heute 46 Jahre alt war und braune Haare hatte und zehn Kapitel später 48 war und helle Haare hatte. Das erfordert eine Menge Sorgfalt, ein gutes Programm kann hier enorm helfen. Und so entstand dann als erstes mein Projekt „Baranya“. Warum ausgerechnet Baranya und Ungarn? Die Mädels haben ein Wörtchen mitgeredet :-)
Meine Hunde stammen von ungarischen Züchterinnen, Cocker Spaniel aus dem „Cockerry Kennel“ in Pécs von Erika und aus dem „Forever Rizi Bizi Kennel“ in Siófok von Katalina. Irgendwann wollte ich mal schauen, wo meine Mädels herkommen. Als ich dann das erste Mal in Ungarn war, wollte ich nicht mehr dort weg. Pécs ist eine traumhaft schöne Stadt. Und da ging es dann los – ich kam nach Hause und wollte über Ungarn schreiben. Dieses „nicht mehr weg wollen“ – ich schrieb und schrieb und schrieb, aber noch völlig chaotisch und unsortiert. Erst mit Petras Frage fing ich an, all das zu sortieren und aufzuräumen.
Heute habe ich in meinem Baranya-Projekt so an die 250 Karten, etliche Figuren, die in den nächsten Bänden auftreten werden, und vor allem gut strukturierte Ideen und Inhalte für die nächsten 10 bis 15 Bände – da kommt also noch was und es lohnt sich, sich in die Serie zu verlieben!
Auf dem Cover von Baranya – Mitten im Leben steht allerdings nicht Anne Deus, sondern Annya Leiss. Warum haben Sie sich entschieden, Ihre Romane unter einem anderen Namen zu veröffentlichen?
Annya Leiss ist ja kein Geheimnis – hinten im Buch danke ich meinen Lesern für die Zeit, die sie mit mir verbracht haben, und lege offen, wer ich bin. Leiss ist der Mädchenname des wichtigsten Menschen in meinem Leben, meiner Großmutter, unter deren liebevoller Begleitung ich mehr oder weniger aufgewachsen bin. Der Name hat mich bei entscheidenden Schritten immer begleitet, auch in der Lebensberatung findet man mich heute noch als „Anne Leiss“. Und die „Annya“ blieb einfach nur nahe dran an Anne.
Andere Autoren rieten mir dazu, unter Pseudonym zu schreiben. Einige waren der Ansicht, nicht jeder müsse wissen, wer man wirklich ist. Andere meinten, unter einem Pseudonym sei es einfacher, mit Kritik umzugehen, die ohne Zweifel auch kommen wird, wenn mal jemand eines meiner Bücher in die Finger bekommt, der es vielleicht besser nicht erworben hätte, einfach, weil die Erwartungen nicht zusammenpassen. Sowas passiert in dem riesigen Markt schnell.
Zunächst faszinierte mich durchaus der Gedanke, mich komplett zu verstecken. Aber mit jedem Kapitel von Baranya wurde mir klarer: Hey, das habe ICH geschrieben. Nett, wenn da Annya Leiss draufsteht, und das soll auch so bleiben, aber in die Tasten habe ICH das gehauen und die Ideen, die Figuren, das ist MEIN Kopf, MEINE Gedanken, das hat ANNE entwickelt und eben nicht Annya Leiss.
Annya hält den Kopf hin, wenn wir mal Prügel beziehen, der Gedanke gefällt mir nach wie vor, aber Anne versteckt sich nicht dahinter – so einfach ist das.
Bleibt es denn bei Annya Leiss – oder werden Leser Ihren Namen Anne Deus künftig auch auf Buchcovern finden?
Nein, ich werde mit „Anne Deus“ vermutlich nie auf einem Cover auftauchen. Der Name gehört erst mal mir – und dann den Stoffen. Der Handel mit den Patchworkstoffen heißt seit vielen Jahren annedeus.de, das soll auch alles sauber voneinander getrennt bleiben – das sind zwei völlig verschiedene Welten.
Aber es werden andere Namen auftauchen. Beim Schreiben von Baranya war klar, da ist mehr. Viel mehr. Linda, Marlene, Karla, Julia und all die anderen, die in Baranya schon leben oder noch auftauchen werden, die sind das eine. Aber in den vielen Ordnern lagen eben auch Maya Linwood und Alexander Harrison, Karen Montgomery und Daniel Caldwell, Claire und James, Oklahoma, Las Vegas, Little Rock, ein Hotel im Hudson Valley, eine Serie über eine Friseuse, eine irre schöne Story um eine Fachbuchautorin – und noch etwas völlig Durchgeknalltes, eine feine magische Welt …
Baranya floss mir praktisch aus den Fingern. Nachdem ich zum ersten Mal in Ungarn war, entstanden Textabschnitte einfach nebenbei und stapelten sich. Nach dem Auslöser durch Petras Frage war aus den Figuren und Ideen in nicht mal vier Wochen ein dicker Roman mit 360 oder 370 Seiten entstanden, samt offener Fäden für Band 2. Aber all die anderen, die wollten auch das Licht der Welt erblicken.
Mir wurde schnell klar – Annya Leiss, das ist Baranya. Aber nicht USA. Ich liebe die USA, dieses herrlich weite Land, die Natur, die riesigen, teils kaum bewohnten Landstriche, die nahezu jedes der Bundesländer hat, oder sogar jedes? Ich kenne „nur“ um die 40 der Staaten aus eigenen Reisen, überall von Florida bis Kalifornien, von South Carolina bis Portland, von Boston bis rüber nach Washington habe ich diese Landstriche gesehen. Elf Jahre Reisen mit meinem Mann, so an die 80 oder 90 Langstrecken in die USA und teils wochenlange Aufenthalte dort und Fahrten kreuz und quer durch das Land, die haben ihre Spuren hinterlassen.
Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie ich „ein bisschen USA“ in Baranya unterbringen könnte – geht nicht. Da wird in Band 11 oder 12 mal ein Ausreißer kommen, der wird schön und der wird atmosphärisch auch absolut perfekt zu Baranya passen, wenn eine der vier Frauen ausbrechen wird, aber ich wollte mehr.
Und das musste unter einem anderen Namen passieren. Wer Baranya von Annya Leiss gelesen hat, der verbindet etwas mit Annya Leiss, der will nicht heute Ungarn 2006 folgende lesen und morgen Atlanta, San Francisco oder Oklahoma 2020 herum. Also kam Claire Ashwell auf die Welt – unter diesem Namen schreibe ich die Romane der Serie „Zwei im Wandel“, die sich durch die gesamten USA ziehen wird. Ideen dazu habe ich, natürlich, wie könnte das auch anders sein?, für die nächsten zwei bis drei Leben!
Und dann ist da noch diese mehr oder weniger durchgeknallte Magie-Ecke, diese gesamte Cozy- oder „bisschen, wirklich nur bisschen Dark“-Ecke – hier liegt auch schon das erste Manuskript im Rohtext komplett fertig auf dem Rechner. Aber wer schreibt diesen Stil? Ganz sicher NICHT Annya, aber auch nicht Claire, das passt einfach nicht – also kam noch Katie Lancaster auf die Welt. Die darf sich in Cozy-Welten austoben, mal einen Hauch Richtung Dark spazieren und auch einen Hauch Fantasy schreiben.
Eine ganz besonders feine magische Welt, mit ganz vielen niedlichen Details, die wird unter dem Namen Annya Leiss erscheinen. DAS ist allerdings Zukunftsmusik. Diese Welt wird sehr viel vom ganz normalen menschlichen Leben enthalten, Alltag, Ausrutscher, Träume, aber komplett in Magie verpackt und durch niedliche Tiere gelebt. Eskapismus vom Feinsten für große Mädchen – hoffentlich mit Start früh in 2027. Herr, lass Zeit regnen oder so in der Art.
Das soll es dann aber hoffentlich auch gewesen sein mit den Autorenwelten, für mehr reicht dieses Leben einfach nicht … Auf der anderen Seite?? Ob es irgendwann ein viertes Pseudonym gibt? Wer weiß. Auf meinem Rechner liegen jedenfalls mehr Geschichten als Namen.
Drei Autorennamen, mehrere Serien und sehr unterschiedliche Buchwelten – warum haben Sie dafür mit Edition Mühlwiese einen eigenen Verlag gegründet?
Wie ich oben sagte, ich bin 62, beziehungsweise war 61, als meine Freundin Petra mit dieser teuflisch guten Frage nach „immer schon“ um die Ecke kam. Klar habe ich mir Gedanken über die Verlagswelt gemacht. Und war schnell desillusioniert. Nicht ein bisschen. Komplett. Das war einfach eine Zeitfrage: Hier ich, der die Romane und Figuren geradezu aus den Fingern in die Tasten laufen, dort ein Agent, Anfragen, Vorlaufzeit, ein Nein, und wieder von vorne? Nicht mein Ding, das hätte Jahre gedauert, bis das erste Buch auf der Welt gewesen wäre – wenn ich nicht auf dem Weg dorthin vielleicht hingeworfen hätte.
Außerdem hätte ich mich mit einem Verlag sehr einschränken müssen. Verlage wollen nun mal in erster Linie Geld verdienen. Ja klar, sie wollen auch Leser glücklich machen, aber Unmengen MEHR Leser, als ich mit meinen Büchern glücklich machen möchte. Mir war vor der ersten ernsthaften Zeile klar, was ich NICHT will. Keine Gegenwart mit gesellschaftlich angeblich relevanten Themen, keine Politik, keine offene Gewalt, kein Sex – nicht tausend Mal im Buch dieses „in ihr oder ihm regt sich was“ – jesses, das weiß der Leser doch ohnehin! Und vor allem wenig Bett, wozu auch, weiß doch auch jeder, wie es geht und wie schön es sein kann – guter Sex lässt sich mit Worten auf Papier in den seltensten Fällen schön einfangen und geht viel zu oft schief. Also raus damit, kein Sex, Türen zu. Und vor allem wirklich nie, nie, nie dieser erhobene moralische Zeigefinger, der sich heute durch so viele Bücher leider durchzieht.
Damit war jeder Gedanke an einen Verlag praktisch gestorben, meine Texte würden vermutlich weitgehend durchrauschen. Erinnern Sie sich an die Stoffe, „das kauft in Deutschland keiner“? So will ich auch meine Romane sehen, für die Menschen, die sich einfach nur wohlfühlen wollen, gerne lesen, in eine Welt eintauchen, ohne dass alles und jedes problematisch oder brutal werden muss. Eine Tasse Kaffee, ein Glas Wein und einfach nur „schön“. Den Begriff „Trivialliteratur“ habe ich mein Leben lang gehasst. Was ist trivial? Alles, was einfach nur banal, simpel, flach ist? Ich habe diesen Begriff immer schon widerlich verachtend empfunden, den Millionen von Fans gegenüber, die Rosamunde Pilcher, Inga Lindström, Katie Fforde und viele mehr lieben und die Bücher und Filme mit Freude und Begeisterung genießen.
Und damit war die „Edition Mühlwiese“ auf der Welt – und das Motto „Romane zum Wohlfühlen“ gleich mit. Auch der Gedanke an die Qualität von „Print on Demand“ war sofort abgeräumt, wollte ich nicht. Ich lege Wert auf gutes Papier, schöne Optik, ansprechenden Satz, ein bisschen Herz nicht nur beim Inhalt, sondern auch bei der Verpackung. Dafür kosten die Bücher zwei oder drei Euro mehr. All das war in der Summe nur unter eigenem Namen möglich.
Allerdings habe ich den gesamten Aufwand rund um den Eigenverlag gewaltig unterschätzt. Ja, ich würde den Weg ohne Wenn und Aber wieder gehen. Aber heute würde ich ihn zeitlich anders angehen. Aktuell sind die ersten Bücher im Haus, aber die Webseite vom Verlag steht nicht. Aber gut, das ist Kategorie „heute dumm gelaufen“, nicht für immer. Das wird sich in den nächsten Tagen regeln. Einmalige Abläufe. Wenn die rund sind, kann ich wieder ungestört „nur“ schreiben und editieren.
Aber auch ein eigener Verlag muss sich am Ende wirtschaftlich tragen. Wie passt das mit Ihrem Anspruch zusammen, nicht möglichst viele Leser erreichen zu müssen?
Ganz einfach – ja klar, am Ende soll das Baby natürlich groß werden und sein Futter verdienen. Aber das muss es nicht vom ersten Tag an. Mir ist jeder einzelne glückliche Leser GOLD wert. Dafür möchte ich aber eben NICHT jeden Trend bedienen, nicht den gerade besten Markt suchen, sondern meinem Stil und meinen eigenen Vorstellungen treu bleiben.
Und aus mehr als 20 Jahren Erfahrung mit den Stoffen, „immer knapp am Markt vorbei“, und nicht zuletzt auch in der Lebensberatung, in der ich dafür bekannt bin, nicht esoterisch abzudrehen, sondern fest auf dem Boden zu stehen, was sicherlich auch nicht ganz dem üblichen Markt entspricht, setze ich genau diesen Ansatz auch im eigenen Verlag um.
Und ich bin mir sicher, es gibt viele Menschen, die genau diesen Weg lieben. Und sich vielleicht viel zu oft etwas „vergessen“ fühlen.
Für wen schreiben Sie Ihre Bücher? Haben Sie beim Schreiben einen bestimmten Leser oder eine bestimmte Leserin vor Augen?
Gefühlt würde ich sagen „Frauen 50 plus“? Ich mache allerdings schon wenige Wochen nach dem Verteilen der ersten Exemplare von Baranya die Erfahrung, dass die ein oder andere Frau das Buch nicht in die Finger bekommt, weil die Männer es gerade lesen und nicht mehr hergeben. Die erste hat sich ein zweites gekauft, weil sie nicht warten möchte und das zweite später weitergeben wird. Ich musste wirklich lachen, als Inge hier stand: „Zweites Buch bitte, ich komme an meins nicht dran.“
Und sicherlich werden auch viele jüngere Menschen meine Bücher entdecken. Aber vermutlich eher nicht die oftmals laute Leserschaft in der bekannten Szene, in der alles und jedes authentisch sein muss, jeder Satz zerpflückt und hinterfragt wird.
Wie schon gesagt: Romane zum Wohlfühlen, die nicht irgendwelche Inhalte zwischen den Zeilen transportieren wollen.
Baranya, amerikanische Geschichten, Cozy, ein Hauch Dark und irgendwann sogar Magie – was verbindet all diese unterschiedlichen Bücher miteinander?
Meine Bücher müssen ein schönes Ende haben. Ich lasse meine Leser nicht nach 350 oder 400 Seiten stehen mit der Frage „Wo ist denn X jetzt geblieben?“, ich räume auf. Entweder schließen die Bücher natürlich ab, und sie schließen positiv ab, so viel kann ich offen sagen. Oder sie werden in einem Epilog abgerundet.
ABER es gibt eine große Ausnahme – Baranya schreibe ich buchübergreifend. Wer wissen will, wie die Wege weitergehen, ob Lindas Projekt, das Ende Band 1 Formen annimmt, wirklich kommen wird? Wer wissen will, was mit Marlenes in Hamburg eingelagerten Möbeln passiert oder ob Karlas Mutter sich ändern wird? Der muss Baranya Band 2 kaufen. Und den Lesern, die wissen möchten, wie das weitergeht, aber Baranya 2 warum auch immer nicht erwerben möchten, verrate ich gerne per email, wie die paar Fäden enden werden. Das gilt natürlich auch für alle weiteren Bände.
Das Gute – Band 2 ist schon geschrieben. Der Band wird aber noch wochenlange Feinarbeit brauchen, bis er in den Druck gehen kann. Geschrieben und druckreif sind nun mal zwei verschiedene Kapitel.
Was die Bücher der Edition Mühlwiese außerdem verbindet, ist die Ausstattung und damit letztlich auch der Preis. Die Baranya-Bücher greifen weiter, die erfordern deutlich mehr Recherche als zum Beispiel die „Zwei im Wandel“-Bücher, deswegen Baranya 19,90 Euro pro Band und die anderen Bücher 17,90 Euro. Der generell höhere Preis gemessen an einem Print-on-Demand-Taschenbuch ergibt sich aus der Qualität.
Preis hin oder her, ich wollte nicht auf dem üblichen Taschenbuchpapier drucken lassen. Dieses komische cremefarbene faserige Zeug, auf dem auch Donald Duck gedruckt werden kann. Ich habe mich bewusst für ein gebrochen weißes, hochwertiges und auch schwereres Papier der schwedischen Marke Munken entschieden. Dazu bekommen die Cover meiner Bücher eine Softtouch-Veredelung. Man mag sie gerne in der Hand halten und auch im Regal sollen sie später eine gute Figur machen. In der Baranya-Serie zum Beispiel wird eine Dorfszene sich auf dem Rücken der Cover durchziehen und Scheibchen für Scheibchen bandweise zusammenpassen.
Womit wir gleich bei der Frage nach den Covern wären. Die stelle ich selber zusammen. Und wieder komplett anders, was sonst! Ich hätte sie ja gerne anderen überlassen, ist ja auch eine Zeitfrage. Also habe ich ein paar Cover-Designer angeschrieben. Für die von mir vorgebrachten Ideen standen sie entweder offen nicht zur Verfügung oder haben mir Zeiten genannt, bei denen klar war, dass ich sie nicht wählen würde. Baranya hat ein konservatives Cover, dem man auch in zwanzig Jahren nicht ansehen wird, dass es aus der Zeit der bunten KI-Cover aus Sommer 2026 stammen wird.
Und die „Zwei im Wandel“-Cover fallen noch krasser aus dem Rahmen. Wer druckt heute noch ornamentartige Rahmen auf ein Buch? Edition Mühlwiese – und ja, ich bin davon überzeugt. Damit spreche ich die richtigen Leser an. Wer sich beim Anblick des Covers kaputtlacht und auf die Schenkel klatscht, der hätte auch am Inhalt meiner Bücher keine Freude. Wer hingegen die Cover sieht und denkt „Wie schön!“, der wird auch mit dem Innenleben seine Freude haben.
Sie sagen, ein Buch könne längst geschrieben und trotzdem noch weit davon entfernt sein, druckreif zu sein. Was passiert bei Ihnen zwischen dem letzten geschriebenen Kapitel und dem fertigen Buch?
Arbeit. Richtig viel Arbeit. Fehler suchen. Erst mal die klassische Korrektur. Zum Glück kann heute jedes gute Programm so an die 98 % dessen, was früher für viel Geld im Korrektorat passierte. Die paar Grenzfälle, wenn das Programm „McLean“ auch beim x-ten Versuch noch mit kleinem l schreiben will, da muss man dann manuell dran. Aber alles andere klappt heute erstklassig automatisch.
Ich nutze inzwischen zwei verschiedene Schreiboberflächen. Die mit den vielen Karten, in der die ganzen zukünftigen Inhalte Form annehmen und in der ich die Tasten zum Glühen bringe, dort verfasse ich den ersten Text und nehme große Sortierungen und erste Korrekturen vor. Dann geht der Text in „mein“ Editierprogramm. Eigentlich ist auch das ein vollwertiges Schreibprogramm, aber eben nicht für mich. Ich LIEBE das Programm zum Editieren meiner Texte. Ich kann mal eben schnell einen Notizzettel auf eine Pinnwand legen und beim Editieren immer im Auge behalten, ob die Figuren, die Gebäude, die Orte, die Zeiten perfekt passen.
Und damit ist schon fast alles gesagt – der Weg vom Schreiben bis zum Druck dauert deutlich länger als der Weg zum erstmals geschriebenen Text. Ich habe immer wieder Formulierungen im Kopf, die ich erst mal schreibe, und dann beim dritten oder vierten Gang durch das Buch: „Hey, hallo, was hast du denn da geschrieben?“ Diese inhaltslosen Sätze, das passiert einfach beim Schreiben. Und ich fürchte, auch der zehnte Gang durch ein Buch würde den letzten noch nicht finden…
Sie haben erzählt, dass der erste Baranya-Roman in nicht einmal vier Wochen entstand und gleichzeitig schon zahlreiche weitere Projekte auf Ihrem Rechner liegen. Wie schaffen Sie es, in diesem Tempo zu schreiben?
Das hat sicherlich viel mit meinem Lebensweg zu tun. Auf dem Weg zum Abitur und später an der Uni hin zur Diplomarbeit lernt man, Texte zu schreiben. Auch lange Texte. Was in der Mittelstufe Aufsätze von ein paar Seiten waren, waren in der Oberstufe schon stundenlange Klausuren. An der Uni waren die langen Dinger dann Routine, die Seminararbeiten mit 40, 50 oder 60 Seiten Text kamen dazu, irgendwann die Diplomarbeit mit 100 oder 150 Seiten Umfang. Wer das kennt, hat vor Texten erst mal keine Angst mehr.
Dann diese Unmengen von Ideen in meinem Kopf. Ich denke viel schneller, als ich schreiben kann. Daraus resultieren dann leider auch diese blöden Fehler, die oft nur so schwer zu finden sind. Und spannend finde ich, dass ich beim Editieren eines „fertigen“ Buches immer das nächste Buch der Serie parallel schreibe. Sicherlich bin ich auch an dieser Stelle nicht der ganz übliche Vogel, das zieht sich ja in meinem Leben durch wie ein roter Faden. Als Baranya 1 fertig geschrieben war, stand die komplette Architektur mit 20 Kapiteln und allen Szenen für Baranya 2. Jetzt wartet Baranya 2 auf seine Überarbeitung, im Hintergrund stehen bereits die ersten drei Kapitel von Baranya 3, natürlich mit dem komplett fertigen Kapitel- und Szenengerüst.
Ebenso läuft das bei den anderen Büchern. Ich liege in den letzten Zügen von „Zwei im Wandel: Washington“, im Hintergrund habe ich in den letzten beiden Juliwochen „Zwei im Wandel: San Francisco“ geschrieben und jetzt kürzlich auch „Zwei im Wandel: Atlanta“ nahezu komplett. Und beim Editieren stellte sich kürzlich heraus, dass ich “in Washington” bildhaft gesprochen zwar die Sprossen der Leiter repariert hatte, aber dafür mitten im Buch der ganze Baum umfiel. Nicht gut, und gleich dauert alles wieder zwei, drei Wochen länger.
Hier ist natürlich auch von Vorteil, dass ich seit der Trennung von meinem Mann vor vielen Jahren wirklich gerne alleine lebe. Ich kann meine Zeit einplanen, wie ich das möchte. Die meisten Texte entstehen mitten in der Nacht. Das Tagwerk ist abgeschlossen, der Bildschirm lacht mich an und „mal eben“ ist wieder ein Kapitel fertig. Und einen großen Anteil an meinem Tempo haben natürlich die vielen „unreifen“ Manuskripte, die ich auf Festplatten sortiert habe. Da ist einiges zusammengekommen mit den Jahren. Auf Basis vorhandener Texte entstehen einige Bücher natürlich deutlich schneller, als wenn ich jedes einzelne Wort neu schreiben würde.
Effizienter Umgang mit der Zeit gehört auch dazu. Den Abend am Fernseher verbringe ich lieber mit meinen Figuren im nächsten Buch. Ein netter Film darf dabei gerne leise im Hintergrund laufen – aber bitte schön „trivial“, bloß nicht kompliziert! Abgerundet wird das alles von meinen Cocker-Spaniel-Ladies und einem schönen Garten. Einfach mal raus, Tasse Kaffee, über die letzten zwei Absätze nachdenken und zack, sind die nächsten fünf im Kopf schon geschrieben. Eine Diktiermöglichkeit habe ich praktisch immer bei mir, damit die Gedanken nicht flöten gehen. So entstehen die Romane in rasendem Tempo. Dass ich schon in der Schulzeit einen Schreibmaschinenkurs belegt habe und mit zehn Fingern blind schreibe – geschenkt, versteht sich vermutlich von selber!
Woher kommen eigentlich all diese Geschichten? Gibt es einen Moment, in dem eine neue Romanidee entsteht – oder sind Figuren und Geschichten bei Ihnen einfach irgendwann da?
Fantasie. Als ich das erste Mal vor Jahren über die Grenze nach Ungarn fuhr, war mein erster Gedanke: „Hier könnte ich leben.“ Gleichzeitig war klar, ich will nicht von Freienfels weg, nicht aus meinem Haus in der Mühlwiese raus und mit dem Betrieb ist an einen Umzug ohnehin nicht zu denken.
Aber was ich kann oder nicht, muss ja meine Figuren nicht begrenzen. So sind dann die vier Frauen entstanden, die Region in Ungarn, die Namen, die Geschichten der Ladies. Das Gleiche ist bei „Zwei im Wandel“ passiert. Ich habe eine große Datei mit „Wo war ich, was habe ich gesehen, was spielt da eine Rolle?“. So leitet Alexander Harrison sein „Harrison Capital“ in Washington, während der Tech-Milliardär Daniel Caldwell ein etwas runtergekommenes Weingut im Napa Valley erbt – blöderweise hat er ein paar testamentarische Auflagen vergeigt und kann das Ding weder einfach so verkaufen noch einfach so „mal eben“ mit ein paar Millionen sanieren lassen. Dumm gelaufen, zack, steht der Roman – zumindest, wenn man aus Gründen, die sich im Roman ergeben, die beste Saniererin der Branche braucht und Karen Montgomery auf den Plan tritt.
So geht das weiter mit dem Rinderzüchter Albert in Oklahoma, der auf die Beauty-Fabrikantin Liz prallt, der Baumwollfarmerin Claire in Georgia mit ihrem Baumwoll-ahnungslosen-Nachbarn James, der sich nur ein Hobby zur Auszeit gegönnt hat – und in Las Vegas geht es um ein unbebautes Grundstück für ein Casino, was sonst?
Lebenswege, üble Schicksale, davon hat man mit 60 Jahren mehr als genug gesehen. Der Mann in Baranya, den Namen spare ich mir an dieser Stelle, in dessen Lebenslauf in einem der weiteren Romane bekannt wird, dass Frau und Tochter bei einem der üblen großen Stürme im Auto erschlagen wurden? Der Mann im Buch ist reine Fantasie, die reale Geschichte dahinter rauschte damals über die Titelseiten der Bild-Zeitung – so zieht sich das durch!
Nein, ausdrücklich KEINE autobiografischen Romane, ausdrücklich KEINE real existierenden Menschen in meinen Romanen – aber ebenso klar Geschichten und Lebenswege, die es vermutlich alle schon irgendwann und irgendwo in ähnlicher Form gegeben haben dürfte.
Ihre Figuren sind erfunden, viele Schauplätze und Rahmenbedingungen aber sehr real. Wie viel Recherche steckt in Ihren Romanen – gerade dann, wenn Sie über Orte oder Lebenswelten schreiben, die Sie aus eigener Erfahrung kennen?
Jede Menge, mehr als man beim Lesen ahnt. Böse Falle zum Beispiel Ungarn: Da schreibe ich fröhlich frei im Jahr 2006, lasse meine Karla die M60 von Budapest bis runter in den Süden nach Baranya fahren und, äh, Mist, 2006?? Da endete die Autobahn ein paar Kilometer hinter Budapest. Hier ist Google natürlich mein bester Freund.
Ich klopfe inzwischen wirklich alles ab, was ich nicht selber absolut sicher weiß. Auch ein Smartphone in 2006 macht nicht wirklich Sinn. Ich musste erst mal Tante Google fragen, wann das gute alte 6110 auf den Markt kam, wann das erste Mobiltelefon mit richtigem Bildschirm. Auch Kaffeemaschinen, ich liebe meinen Nespresso-Kaffee, Kapsel rein, Taste drücken, lecker. Aber hey, wie war das „damals“, Kapsel oder doch lieber mal ein Kaffeepad, wenn Linda in Kisvára den Wagen auslädt? Das sind so die vertrackten Dinger, an die man beim Schreiben oft nicht denkt, und wenn, dann bremsen sie böse. Und später beim Editieren schlucken sie ganz nett Zeit.
Aber in meiner zigjährigen Leserkarriere habe ich gelernt, dass es nichts Blöderes gibt als schlecht recherchierte Bücher. Fällt einfach übel auf, wenn Technik in einem Buch rumgeistert, die es noch nicht gab – und ebenso umgekehrt, wenn ein Buch seiner Zeit hinterherhängt!
Den allergrößten Respekt habe ich in dieser Hinsicht übrigens vor Lucinda Riley. Was allein in den „Sieben Schwestern“ an Recherche stecken muss, finde ich geradezu irre. Zumal sie dort durch etliche Zeitebenen springt. Solche Bücher zeigen mir als Leser, aber heute eben auch als Autor, wie viel Arbeit hinter einer Geschichte stecken kann, ohne dass man diese Arbeit beim Lesen überhaupt bemerkt.
Was kommt bei Ihnen zuerst – die Geschichte oder die Figuren? Und wann wird aus einem Namen auf einer Karte für Sie ein Mensch, von dem Sie ziemlich genau wissen, wie er reagieren wird?
Schwierig – parallel? Das geht bei mir so blitzschnell. Wobei, nein, eigentlich klar. In Baranya war die grobe Region zuerst da, ich will was „mit Ungarn“ machen, im Komitat Baranya, nahe Pécs, die Gegend kenne und liebe ich. Dann kamen die Figuren. Heute ist das anders. Heute steht die Region felsenfest, heute kommen die Figuren dazu.
In Band 3 kommt Werner, so viel verrate ich. Werner wird ein Pfundskerl und ein echtes Schwergewicht in den Bänden. Das kann ich verraten, denn das ist dem Leser schon beim Lesen des ersten Kapitels klar, in dem er das Licht des Romans erblickt. Aber eine andere Gruppe, das wird ein Riesending, die laufen über die Bände 3 bis 8 in die Region rein, mit einem winzigen Würzelchen schon in Band 2, wenn ich mich richtig erinnere – da muss ich glatt selber nachschauen, aber ich meine, ja, das war spät in Band 2!
Bei „Zwei im Wandel“ sind Stadt, Region und Thema vorher da, dann kommen die Menschen dazu. Und die Romane von Katie Lancaster sind so „einfach nur nett und liebenswürdig“, da sind die Menschen zuerst da, dann bastle ich das Drumherum.
Und in der Magie-Chronik, die ich unter dem Namen Annya Leiss in gaaaanz besonderen Momenten fast zeilenweise und super langsam und vorsichtig schreibe, in der war auch zuerst die Idee mit Martha Katze da, dann deren Lebensweg, dann habe ich die Welt in deren neuem Lebensmittelpunkt festgezurrt.
Also eine Mischung von … bis.
Sie haben vorhin von Ihrer „zigjährigen Leserkarriere“ gesprochen. Was lesen Sie selbst am liebsten – und welche Bücher legen Sie ziemlich schnell wieder aus der Hand?
Das, was man gemeinhin als Trivialliteratur bezeichnet, vermutlich mit ein Grund, warum ich dieses Wort so ablehne. Belletristik klingt schon viel netter. Lange Jahre waren mir Pilcher und Co. zu wenig. Bis ich ca. 40 war, habe ich Krimis gefressen, auf jeden neuen Grisham gewartet, eher keine harten Thriller, lieber die intelligenten Dinger. Aber es war immer klar, sowas kann und will ich nicht schreiben, diese Art von Handwerkszeug habe ich einfach nicht.
Ab ca. 40 kamen dann andere Romane in mein Leben, Pilcher, Danella, Fforde, ich könnte Namen runterrattern ohne Ende. Irgendwann Lucinda Riley, die mich mit ihren „Sieben Schwestern“ zutiefst fasziniert hat. Mit jedem einzelnen Band, aber ganz besonders mit Band 8, in dem ihr Sohn das wahnsinnige Werk vollbracht hat, das Vermächtnis seiner Mutter so perfekt zu vollenden. Meinen allergrößten Respekt vor dem, was er mit dem achten Band der Reihe geleistet hat.
Was ich weglege? Das sind die Romane, die scheinbar so „nett“ daherkommen, um dann innen drin politisch und gesellschaftlich so superkorrekt zu sein. Ich will nicht von „Bodenbelägen aus erneuerbarem Recyclingzeug, was auch immer“ lesen. Nicht falsch verstehen, alles gut und nötig, aber bitte nicht in meinen Romanen, die ich lese oder auch schreibe. Oder die viel zu vielen gleichgeschlechtlichen Paare. Alles wunderschön. Gut, dass Menschen heute leben dürfen, wie sie das möchten. Das kann ich gar nicht deutlich genug betonen und schätze einige dieser Paare in meinem Bekanntenkreis enorm! Aber nicht in gefühlt jedem zweiten Buch, das ist mir einfach zu viel und hat auch wenig mit der gesellschaftlichen Realität zu tun.
Und ich kaufe heute keine Krimis mehr, in denen die Brutalität zum Himmel schreit. Pendergast, den kann ich lesen, keine Ahnung warum, vielleicht, weil der fiktiv genug ist, dass ich die brutalen Szenen nicht als reale wahrnehme. Aber es gibt ein paar Autoren, die sind mir zu real, zu nah dran.
Und dann gibt es da noch Micky und Donald – lachen Sie nicht, auch heute noch wandert vielleicht ein-, zweimal im Jahr eines der Taschenbücher in den Einkaufswagen. Immer wieder schön, mit denen bin ich großgeworden und sicherlich haben die viel mit meinem Wunsch nach der Wohlfühlwelt in meinen Romanen zu tun.
Ihre Bücher kann man direkt bei Edition Mühlwiese bestellen. Warum ist Ihnen dieser direkte Weg zu Ihren Leserinnen und Lesern wichtig?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen liebe ich den Kontakt zu meinen Lesern, die Rückmeldung meiner Leser, die Begeisterung zu spüren, das ist eine ganz andere Liga, als ein Buch über Amazon zu verkaufen.
Zum zweiten kann ich meine eigene Webseite und den Verlag so gestalten, wie ich das will. Schön konservativ und ruhig, ein bisschen „gestern“ in der modernen Hülle der Technik von Squarespace. Und vor allem mit meinen Farben und meinen Inhalten – wer gestaltet schon seine Webseite im Jahr 2026 in Violettnuancen und mit ein paar hübschen Grafiken?
Zum dritten – ja logisch, das liebe Geld. Ich kann den Druck meiner Bücher zum Glück selber finanzieren. Weder bin ich auf einen Vorschuss angewiesen noch auf 1.000 Käufer am ersten Tag, das gibt ordentlich Freiheit. Aber dennoch soll der Verlag in ein paar Jahren bitte auch Geld verdienen. Und dabei hilft jedes einzelne Buch, jedes E-Book, das über die eigene Seite oder per email-Anfrage oder per PN in Facebook versendet wird.
Klar ist Amazon bequem. Oder KDP. Oder Tolino. Aber zum Glück hinterfragen immer mehr Menschen diese großen Modelle. Wie schön, wenn ich ein Buch direkt an seinen Leser abgeben darf, ohne die enormen Abzüge der großen Plattformen!
Wenn wir heute auf Edition Mühlwiese schauen: Wo steht der Verlag gerade – und welche Bücher dürfen Ihre Leser als Nächstes erwarten?
Der Verlag steht im Moment beim ersten lieferbaren Buch und einer gerade erst veröffentlichten Webseite. Stand heute ist nicht mal der Webshop fertig – wer das Buch haben möchte, muss mich anrufen oder mir eine Nachricht schreiben. Vor Fertigstellung des Webshops werde ich das Buch weder bei Amazon noch auf den E-Book-Plattformen anbieten.
So ein Webshop ist heutzutage ein Abenteuer. Alles ganz easy, wenn man den Versprechungen der Anbieter glauben möchte. Bis dann der Wust an gesetzlichen Vorschriften kommt. Aber weg von den Ärgernissen, nur, das sind nun mal genau die vielen kleinen Gründe, warum der Webshop noch nicht fertig ist. Zum netteren Thema – die Bücher, was kommt?
Jesses, bei meiner wild blühenden Fantasie ist das eine wirklich teuflische Frage. Hier muss ich mich mit einem pragmatischen Mix aus „Was will Anne?“ und „Was ist wirtschaftlich sinnvoll?“ selber an die Kandare nehmen. Immerhin, die Reihenfolge der ersten vier Bücher ist festgezurrt. Baranya 1 ist da, Baranya 2 fertig geschrieben, wird bis Oktober überarbeitet und geht dann in den Druck. Vorher wird Washington in den Druck gehen, danach Atlanta überarbeitet und gedruckt.
Ich möchte, dass meine Leser mir vertrauen und daran glauben, dass weitere Bücher kommen werden, das ist mir persönlich wichtig und natürlich auch der wirtschaftliche Aspekt. Warum zuerst die beiden USA-Romane und nicht Baranya 2? Vielleicht, weil ich die „leichter“ schreiben kann, das ist nicht so intensiv vom Handwerk her wie Baranya, andere Liga, weniger Szenenwechsel, etwas einfacher nachzuhalten und zu recherchieren.
Baranya soll außerdem mit der Zeit laufen. Jeder Roman umfasst drei Monate, ich möchte in der Zeit bleiben. Band 1 spielte im ungarischen Hochsommer und führte in die ersten herbstlichen Tage. Band 2 lebt in der Zeit von Mitte September bis kurz vor Weihnachten. Wenn der Band im November erscheint, sitzt er zeitlich genau richtig. Und dazwischen passen optimal die beiden USA-Bücher.
Soweit habe ich das Programm festgelegt. Ob dann meine Kleinteil-Liebe zu Martha Katze mit mir durchgeht? Oder doch zuerst Claire das nette zukünftige Paar aus Oklahoma fertigstellt? Oder sogar Katie mit dem leicht „Dark“ angehauchten Roman rund um den „Elm Grove Circle“ im Hudson Valley die Bühne betritt? Ich weiß es nicht – und genau DAS ist die Freiheit, die mir der Eigenverlag mit „Edition Mühlwiese“ gewährt.
Von einem bin ich absolut sicher überzeugt – je freier und unabhängiger ich meine Bücher schreiben kann, desto besser und schöner werden sie für meine Leser – und das ist das Allerwichtigste an der ganzen Sache: Romane zum Wohlfühlen!
Wenn wir dieses Gespräch in fünf Jahren noch einmal führen: Wo würden Sie mit Edition Mühlwiese dann gerne stehen?
Oh weh, fünf Jahre! Erst mal, wo lebe ich dann? Seit einiger Zeit habe ich ein zweites Haus in Ungarn – Sie ahnen es? Das Haus steht ein paar Kilometer östlich der Region, über die ich vorher schon geschrieben hatte, das ist doch fast schon Magie! Und NEIN, ich habe nicht gezielt dort gesucht, nur „rund um Pécs“, es hätte ebenso gut die Richtung rauf nach Kaposvár oder rüber nach Szigetvár werden können, stattdessen wurde es Palotabozsok. Dort fühle ich mich unglaublich wohl und möchte auch in Zukunft die Strecke bewältigen können und mehrmals im Jahr mit meinen Cocker-Ladies ein paar Wochen dort verbringen.
Damit ist auch klar, das Haus hier in der Mühlwiese bleibt. Und natürlich auch die Stoffe. Noch einmal, ich bin 62, vielleicht sind es in fünf Jahren noch 3.000 oder sogar „nur“ 2.500 Stoffe, vermutlich keine gut 4.000 mehr, aber sie sollen bleiben, dafür liebe ich den Umgang mit den Stoffen viel zu sehr.
Und Edition Mühlwiese? Mein größter Wunsch? In fünf Jahren ist Baranya Band 20 in Arbeit, 10 Bände von „Zwei im Wandel“ stehen im Shop, dazu ein paar Bände der Magie-Chroniken und 10 oder 12 Bücher von Katie – und bitte viele Leser, die meine Welten für sich entdeckt haben und sich auf den nächsten Roman zum Wohlfühlen freuen!
Wenn Petra Sie heute noch einmal fragen würde: „Was wolltest du eigentlich immer schon machen?“ – was würden Sie ihr antworten?
Ach, Petra – wir telefonieren so gut wie jeden zweiten Tag. Sie ist mein größter Fan, sie ist der einzige Mensch, der meine Texte im Rohzustand lesen darf – und meine beste und wertvollste Beraterin, von der Freundschaft mal abgesehen!
Vermutlich würde ich die Frage wieder so beantworten: Ich habe doch alles – und wieder zwei, drei Nächte brauchen. Hätte mir an diesem Tag, als Petra mich fragte, ein kleines Hexchen auf der Schulter erzählt, was da mal draus werden würde und vor allem, wie sehr ich diesen neuen Weg in meinem Leben lieben würde, welche Ausmaße das in so kurzer Zeit annehmen würde? Ich hätte das Hexchen in den Knast setzen lassen und für komplett irre erklärt.
Und jetzt sind da „Baranya – Mitten im Leben – Band 1“ und „Edition Mühlwiese – Romane zum Wohlfühlen“ und JA, immer wieder JA, genau SO!
Aus der Mühlwiese, Ende August 2026